Ich poste regelmäßig Bilder von mir auf Facebook, Instagram und anderen Social-Media-Plattformen. Dabei bekomme ich ziemlich genau mit, dass manche Fotos erstaunlich gut funktionieren und andere deutlich weniger. Das neue Kleid bekommt viele Likes, ein etwas gewagteres Outfit plötzlich noch mehr. Unter einem Bild sammeln sich Komplimente, während ein ganz normaler Alltagslook, in dem ich mich selbst richtig wohlgefühlt habe, deutlich weniger Beachtung findet. Und dann gibt es noch die andere Seite: Fotos, die neben viel Zustimmung plötzlich auch abwertende oder beleidigende Kommentare auslösen.
Über positive Resonanz freue ich mich. Wenn ich Bilder veröffentliche, möchte ich schließlich auch, dass sie gesehen werden. Nette Kommentare und Likes gehören für mich genauso dazu wie Rückmeldungen von Crossdressern, die mir schreiben, dass ihnen ein Beitrag Mut gemacht hat. Negative Kommentare gehören leider ebenfalls dazu. Ich kann sie löschen, verbergen oder ignorieren, aber damit ist noch lange nicht gesagt, dass sie keinen Einfluss auf mich haben.
Mit der Zeit stellt sich dabei eine interessante Frage:
Für wen ziehe ich mich eigentlich an?
In erster Linie für mich, würde ich spontan sagen. Aber welchen Einfluss haben die Menschen, die meine Bilder sehen? Welche Rolle spielen Likes, Komplimente und negative Kommentare? Und kann es irgendwann passieren, dass ich nicht mehr nur zeige, was mir gefällt, sondern anfange, mich danach zu richten, was anderen gefällt oder was möglichst wenig Angriffsfläche bietet?
Wenn aus einem schönen Outfit plötzlich ein erfolgreiches Outfit wird
Beim Crossdressing spielt die Reaktion anderer für viele von uns ohnehin eine besondere Rolle. Wir stehen vor dem Spiegel und beurteilen nicht nur, ob uns ein Kleid gefällt. Gerade wenn uns Passing wichtig ist, überlegen wir auch, ob das Outfit feminin wirkt, ob die Proportionen stimmen und ob wir damit in der Öffentlichkeit ein stimmiges Gesamtbild abgeben.
Social Media bringt eine zusätzliche Ebene ins Spiel. Plötzlich lässt sich die Reaktion anderer messen.
200 Likes für dieses Kleid. 80 für jenes. Ein Foto im Badeanzug bekommt deutlich mehr Aufmerksamkeit als eines beim Stadtbummel. High Heels funktionieren besser als Sneaker. Ein etwas auffälligeres Outfit bringt mehr Kommentare als die Jeans mit Bluse, mit der ich tatsächlich mehrere Stunden unterwegs war.
Diese Zahlen sagen zunächst nur etwas darüber aus, was andere Menschen gerne ansehen. Sie sagen nicht, welches Outfit besser zu mir passt. Trotzdem kann sich beides erstaunlich schnell vermischen.
Denn irgendwann steht nicht mehr die Frage im Vordergrund: „Was möchte ich heute tragen?“
Sondern: „Was kommt wahrscheinlich gut an?“
Crossdressing kann plötzlich zur Content-Produktion werden
Gerade wenn man regelmäßig auf Social Media aktiv ist, verändert sich noch etwas anderes. Ein Ausflug ist nicht mehr nur ein Ausflug. Er ist gleichzeitig eine Gelegenheit für neue Bilder.
Das kenne ich durchaus selbst. Wenn ich unterwegs bin, entstehen Fotos. Natürlich überlege ich vorher auch, wo sich eine schöne Aufnahme machen lässt. Meine Frau fotografiert mich häufig, wir probieren verschiedene Perspektiven aus und hinterher schaue ich, welche Bilder ich für meinen Blog oder meine Social-Media-Kanäle verwenden kann.
Das macht mir Spaß und gehört inzwischen dazu. Problematisch wäre es für mich allerdings dann, wenn sich die Reihenfolge umdrehen würde. Wenn ich also nicht mehr fotografiere, weil ich einen schönen Tag als Tamara erlebe, sondern den Tag als Tamara plane, weil ich neue Fotos brauche.
Ein Cafébesuch muss kein Content sein. Ein neues Kleid muss nicht fotografiert werden. Und ein Tag, an dem ich mich schön angezogen habe und am Ende kein einziges brauchbares Foto entstanden ist, war deshalb nicht weniger wert.
Das Publikum sieht nur einen Ausschnitt
Die Menschen auf Social Media erleben außerdem nur einen kleinen Ausschnitt meines Crossdressings. Sie sehen ein Foto oder ein kurzes Video. Sie wissen nicht, ob ich mich in den Schuhen nach zwei Stunden noch wohlfühle, ob ich ständig an einem Kleid herumzupfe oder ob eine Kombination zwar auf einem Foto toll aussieht, aber überhaupt nicht zu meinem Alltag passt.
Und sie verfolgen ganz unterschiedliche Interessen. Ein Teil meiner Follower interessiert sich tatsächlich für Crossdressing im Alltag. Andere mögen meine Outfits. Manche interessieren sich für Passing oder Make-up. Einige finden bestimmte Fotos einfach attraktiv. Und bei manchen möchte ich vermutlich lieber gar nicht so genau wissen, weshalb sie ausgerechnet ein bestimmtes Bild besonders interessant finden.
Wenn ich meine Kleidung nur danach auswählen würde, welche Fotos die stärkste Reaktion erzeugen, würde daraus irgendwann eine Tamara entstehen, die vor allem für andere funktioniert.
Das möchte ich nicht.
Und dann gibt es die andere Seite der Kommentare
Über positive Kommentare kann man sich freuen. Schwieriger wird es bei den Reaktionen, die mit einem Outfit eigentlich gar nichts mehr zu tun haben.
Wer Crossdressing öffentlich zeigt, bekommt eben nicht nur ein „Das Kleid gefällt mir nicht“. Da steht dann auch mal, dass Männer in Frauenkleidung „krank“, „pervers“ oder „ekelhaft“ seien. Dass man so etwas nicht öffentlich zeigen solle. Dass Kinder davor geschützt werden müssten. Dazu kommen Kommentare, die Crossdressing automatisch mit Sexualität verbinden, irgendwelche Diagnosen aus der Ferne stellen oder einem erklären wollen, was ein „richtiger Mann“ zu tragen und zu tun hat.
Und natürlich macht das etwas mit einem.
Ich kann einen solchen Kommentar löschen, verbergen oder den Absender blockieren. Damit verschwindet der Text unter meinem Beitrag. Die Frage ist nur, ob er damit auch aus meinem Kopf verschwunden ist.
Beim nächsten Foto kann plötzlich der Gedanke auftauchen: Ist der Rock zu kurz? Ist das Kleid zu feminin? Sollte ich lieber das Bild nehmen, auf dem ich etwas unauffälliger aussehe? Poste ich den Badeanzug wirklich? Muss ich damit rechnen, dass wieder irgendein Fremder, der nichts über mich weiß, sich aufgrund eines Fotos anmaßt, mich als ‚krank‘ oder ‚pervers‘ zu bezeichnen?
Genau an diesem Punkt bekommen solche Kommentare mehr Macht, als sie eigentlich verdient haben. Denn dann entscheiden die Leute, die mein Crossdressing ablehnen, indirekt mit darüber, welches Crossdressing ich ihnen zeige.
Das möchte ich genauso wenig.
Dabei geht es mir nicht darum, Kritik grundsätzlich abzulehnen. Jemand darf mein Kleid hässlich finden. Jemand darf High Heels unpraktisch finden oder der Meinung sein, dass mir eine andere Farbe besser steht. Über Geschmack lässt sich wunderbar diskutieren.
„Das Kleid steht dir nicht“ und „Du bist krank, weil du dieses Kleid trägst“ sind aber zwei vollkommen unterschiedliche Aussagen.
Das eine ist eine Meinung über mein Outfit. Das andere ist eine Abwertung meiner Person beziehungsweise meines Crossdressings.
Positive Reaktionen können genauso Einfluss nehmen
Interessanterweise funktioniert der Einfluss auch in die andere Richtung und ist dort viel schwerer zu erkennen.
„Du solltest viel öfter solche Kleider tragen.“
„High Heels stehen dir viel besser als Sneaker.“
„Zeig doch mehr davon.“
Das sind nette Kommentare. Sie sind häufig sogar als echtes Kompliment gemeint. Trotzdem steckt darin immer auch eine kleine Empfehlung, wie ich aussehen oder was ich zeigen sollte.
Natürlich kann ich mich darüber freuen. Wenn mir zwanzig Menschen schreiben, dass mir ein Kleid besonders gut steht, werde ich dieses Kleid anschließend vermutlich nicht schlechter finden. Entscheidend ist nur, dass daraus kein Wettbewerb um die nächste Portion Bestätigung wird.
Denn zwischen „Ich freue mich, dass euch mein Outfit gefällt“ und „Ich wähle mein Outfit, damit es euch gefällt“ liegt ein Unterschied.
Was würde ich tragen, wenn es niemand sehen würde?
Für mich gibt es deshalb eine ziemlich einfache Frage, mit der sich vieles überprüfen lässt:
Würde ich dieses Outfit auch tragen, wenn ich wüsste, dass davon kein einziges Foto veröffentlicht wird?
Wenn die Antwort Ja lautet, ist die Sache ziemlich eindeutig.
Das heißt nicht, dass jedes Kleid praktisch sein muss. Ich darf etwas tragen, weil ich mich darin besonders feminin fühle. Ich darf mich für einen Restaurantbesuch schicker machen als notwendig und High Heels anziehen, obwohl Sneaker bequemer wären. Crossdressing darf Spaß machen und muss nicht ausschließlich aus vernünftigen Alltagsentscheidungen bestehen.
Der Unterschied liegt für mich woanders: Die Entscheidung sollte weiterhin meine sein.
Social Media ist nicht der Feind
Trotzdem wäre es viel zu einfach, Facebook, Instagram oder TikTok dafür verantwortlich zu machen. Ich möchte Social Media nicht missen.
Durch meine Beiträge habe ich viele interessante Menschen kennengelernt. Ich bekomme Rückmeldungen von Crossdressern, die selbst noch nicht den Mut haben, nach draußen zu gehen. Es entstehen Gespräche über Kleidung, Passing, Beziehungen und ganz alltägliche Situationen. Genau deshalb zeige ich mein Crossdressing öffentlich.
Auch Komplimente gehören dazu. Wenn jemand schreibt, dass mir ein Kleid gut steht, freue ich mich. Wenn ein Beitrag besonders viel Reichweite bekommt, schaue ich natürlich interessiert darauf. Und wenn ein Thema kaum jemanden interessiert, darf ich mir durchaus überlegen, ob ich davon wirklich noch fünf weitere Beiträge brauche.
Social Media darf Einfluss haben. Es sollte nur nicht die Regie übernehmen.
Denn zwischen „Ich zeige euch, was ich gerne mache“ und „Ich mache, was ihr gerne sehen wollt“ liegt ein ziemlich großer Unterschied.
Tamara gab es schon vor Likes und Followern
Mein Crossdressing ist nicht durch Social Media entstanden. Ich mache das seit vielen Jahren, lange bevor ich meinen Blog gestartet oder regelmäßig Bilder veröffentlicht habe. Kleidung, Make-up und das feminine Auftreten hatten für mich schon einen Wert, als niemand außer meinem direkten Umfeld etwas davon gesehen hat.
Social Media kam später dazu.
Heute gehört es durchaus zu meinem Crossdressing. Ich fotografiere gerne, schreibe über meine Erfahrungen und zeige bewusst auch ganz normale Situationen in der Öffentlichkeit. Damit möchte ich anderen Crossdressern zeigen, dass vieles möglich ist, wovor man anfangs vielleicht große Angst hat. Das entspricht auch dem Grundgedanken, mit dem ich meinen Blog begonnen habe: nicht nur schöne Bilder zu zeigen, sondern echte Erfahrungen aus der Öffentlichkeit weiterzugeben und damit anderen Mut zu machen.
Aber der Cafébesuch findet nicht statt, damit ich ihn posten kann. Ich poste ihn, weil ich dort war.
Das Kleid hängt nicht in meinem Schrank, weil es Likes bekommt. Es hängt dort, weil ich es gerne trage.
Und Tamara existiert nicht, weil es dafür ein Publikum gibt.
Deshalb finde ich diese eine Frage gar nicht schlecht:
Wenn heute niemand zuschauen würde, niemand kommentieren könnte und kein einziges Foto davon im Internet landen würde: Würde ich es trotzdem genauso machen?
Wenn ich darauf mit Ja antworten kann, dann weiß ich ziemlich genau, für wen ich mich eigentlich anziehe.
Tamara ❤️
