Wer als Crossdresser eine feminine Silhouette erreichen möchte, beschäftigt sich früher oder später mit der Frage nach dem passenden BH. Ob kleine Silikoneinlagen, größere Brustformen oder einfache Polster: Der BH soll dafür sorgen, dass alles an der richtigen Stelle sitzt, bequem ist und unter der Kleidung möglichst natürlich aussieht.
Eigentlich klingt das einfach. Unterbrustumfang messen, Körbchengröße bestimmen, BH kaufen und fertig. Doch die Realität sieht häufig anders aus. Die Größe stimmt laut Etikett, aber die Träger rutschen, die Körbchen stehen ab oder die Silikonbrüste sitzen nicht dort, wo sie eigentlich hingehören.
Das liegt daran, dass ein BH nicht nur zum Umfang des Oberkörpers passen muss. Auch Brustkorb, Schulterbreite, Körbchenform und die Art der verwendeten Brustformen spielen eine entscheidende Rolle.
In dieser dreiteiligen Artikelserie schauen wir uns deshalb an, worauf es beim BH-Kauf für Crossdresser wirklich ankommt. Im ersten Teil beschäftigen wir uns mit Größen, unterschiedlichen BH-Modellen und den Grundlagen einer guten Passform. Teil 2 behandelt die Kombination mit Silikonbrüsten, Pads, Schaumstoff, Tape und Silikontorsos. Im dritten Teil geht es um typische Passformprobleme und deren Lösungen.
Warum BHs bei Crossdressern anders sitzen können
Viele männliche Körper haben im Verhältnis zum übrigen Körper einen breiteren Brustkorb und ausgeprägtere Schultern als die Körperformen, an denen sich klassische Damen-BHs häufig orientieren. Das ist natürlich keine feste Regel. Auch Frauen haben sehr unterschiedliche Körperproportionen. Für Crossdresser ergeben sich daraus allerdings einige Besonderheiten.
Ein BH besteht schließlich nicht nur aus zwei Körbchen. Das Unterbrustband sorgt für einen großen Teil des Halts, die Körbchen nehmen das Brustvolumen auf und die Träger unterstützen deren Position. Alle diese Bestandteile müssen zusammenpassen.
Bei natürlichen Brüsten kann sich das Brustgewebe innerhalb gewisser Grenzen an die Körbchenform anpassen. Eine Silikonbrust besitzt dagegen bereits eine weitgehend feste Form. Ist das Körbchen zu schmal, zu flach oder an der falschen Stelle besonders tief, kann die Brustform schlecht sitzen, obwohl das angegebene Cup-Volumen eigentlich passen müsste.
Auch die Position der Brüste ist wichtig. Manche Silikonformen sitzen weiter auseinander, andere lassen sich näher zur Körpermitte platzieren. Nicht jeder BH kann diese Unterschiede gleichermaßen ausgleichen.
Die wichtigste Erkenntnis lautet deshalb: Ein BH kann die richtige Größe haben und trotzdem der falsche BH sein.
BH-Größen verstehen: Was bedeuten 90B, 95C oder 100D?
Eine klassische BH-Größe besteht aus einer Zahl und einem Buchstaben. Die Zahl beschreibt die Unterbrustgröße, während der Buchstabe für die Körbchengröße, auch Cup genannt, steht.
Unterbrustumfang und Körbchengröße
Den Unterbrustumfang misst du direkt unterhalb der Brust. Das Maßband sollte waagerecht und relativ eng anliegen, ohne unangenehm einzuschneiden. Ein gemessener Umfang von beispielsweise 95 Zentimetern führt bei vielen Herstellern zunächst zur Unterbrustgröße 95.
Für die Körbchengröße wird zusätzlich der Brustumfang an der stärksten Stelle gemessen. Aus der Differenz beider Werte ergibt sich nach den Größentabellen des jeweiligen Herstellers eine erste Orientierung für den Cup.
Bei Crossdressern gibt es dabei allerdings eine Besonderheit: Die Messung hängt wesentlich davon ab, welche Brustformen du später tragen möchtest.
Misst du ohne Einlagen, erhältst du selbstverständlich ein anderes Ergebnis als mit großen Silikonbrüsten. Deshalb solltest du den Brustumfang möglichst mit den Brustformen bestimmen, die du tatsächlich verwenden möchtest, und zwar in der Position, in der sie später sitzen sollen.
Allerdings verrät der Umfang allein noch nichts über die Form oder Verteilung des Brustvolumens. Zwei unterschiedlich geformte Silikonbrüste können denselben Brustumfang erzeugen, benötigen aber trotzdem unterschiedliche Körbchenschnitte.
Die berechnete BH-Größe ist deshalb zunächst ein Ausgangspunkt, keine Garantie.
Wenn du mehr über das richtige Maßnehmen erfahren möchtest, findest du dazu bereits meinen ausführlichen Beitrag „Passform statt Fehlkauf: Körpermaße für Crossdresser“.
Warum ein C-Cup nicht immer gleich groß ist
Ein weitverbreiteter Irrtum besteht darin, dass ein C-Cup unabhängig vom BH immer dasselbe Volumen hätte.
Tatsächlich hängt die Körbchengröße von der Unterbrustgröße ab. Ein BH in 95C besitzt beispielsweise größere Körbchen als ein BH in 80C.
Hier kommen die sogenannten Kreuzgrößen ins Spiel. Wenn dir beispielsweise bei einem BH in 95C das Körbchenvolumen gut passt, das Unterbrustband aber zu eng ist, könnte 100B eine Alternative sein. Ist das Band dagegen zu weit, wäre 90D einen Versuch wert.
| BH-Größe | Unterbrustband | Körbchenvolumen |
|---|---|---|
| 90D | Enger | Ungefähr vergleichbar mit 95C |
| 95C | Ausgangsgröße | Ausgangsvolumen |
| 100B | Weiter | Ungefähr vergleichbar mit 95C |
Diese Größen besitzen innerhalb desselben Größensystems ein ungefähr vergleichbares Körbchenvolumen. Das bedeutet allerdings nicht, dass auch Körbchenbreite, Bügelverlauf und Trägerposition identisch sind.
Gerade für Crossdresser kann das Wissen über Kreuzgrößen hilfreich sein. Wenn der BH grundsätzlich gut sitzt, aber das Unterbrustband nicht passt, muss man nicht gleich das gesamte Modell wechseln.
Welche BH-Typen gibt es?
Wer sich im Damenwäschebereich umsieht, entdeckt eine erstaunliche Vielfalt unterschiedlicher BH-Modelle. Dabei geht es keineswegs nur um Farbe, Spitze oder dekorative Details. Die Konstruktion beeinflusst wesentlich, wie die Brust gestützt und geformt wird.
Wichtig zu wissen: Die folgenden Bezeichnungen beschreiben nicht immer klar voneinander abgegrenzte Kategorien. Ein T-Shirt-BH kann beispielsweise gleichzeitig bügellos sein. Ebenso kann ein Balconette-BH Bügel besitzen.

Bügel-BHs und bügellose BHs
Der klassische Bügel-BH besitzt eingearbeitete Bügel unterhalb der Körbchen. Diese unterstützen die Brustform und helfen, das Brustvolumen zu positionieren. Für Crossdresser ist entscheidend, dass die Bügelbreite sowohl zum Brustkorb als auch zu den verwendeten Brustformen passt.
Ein bügelloser BH verzichtet auf diese feste Konstruktion. Dadurch ist er häufig flexibler und kann besonders bei kleineren Brustformen oder leichten Einlagen angenehm sein. Bei schweren Silikonbrüsten sollte allerdings geprüft werden, ob er ausreichend Halt bietet.
T-Shirt-BHs, Balconette und Push-up-BHs
Ein T-Shirt-BH besitzt meist glatte, häufig vorgeformte Körbchen, deren Konturen sich unter enger Kleidung möglichst wenig abzeichnen sollen. Für einen natürlichen Alltagslook ist das sehr praktisch. Allerdings können die Körbchen abstehen, wenn ihre vorgegebene Form nicht zu den Silikonbrüsten passt.
Der Balconette-BH hat meist einen offeneren, eher waagerechten Ausschnitt und häufig weiter außen sitzende Träger. Dadurch eignet er sich besonders für Oberteile und Kleider mit größerem Ausschnitt. Die weiter außen liegenden Träger können bei manchen Schulterformen allerdings leichter rutschen.
Ein Push-up-BH verwendet zusätzliche Polster oder eine spezielle Körbchenkonstruktion, um die Brust anzuheben und häufig stärker zur Mitte zu formen. Das kann bei kleineren Einlagen interessant sein. Bei größeren Silikonbrüsten können die Polster dagegen stören, weil sie Platz beanspruchen oder die Brustformen ungünstig verschieben.
Taschen-BHs: Besonders interessant für Crossdresser
Eine besondere Variante ist der Taschen-BH, auch Prothesen-BH genannt. Diese Modelle wurden insbesondere für Frauen entwickelt, die nach einer Brustoperation eine Brustprothese tragen.
Ihre Körbchen besitzen eingearbeitete Taschen, in denen Brustformen untergebracht werden können. Dadurch sind diese besser gegen Verrutschen gesichert.
Für Crossdresser mit nicht selbstklebenden Silikonbrüsten kann das eine ausgezeichnete Lösung sein. Allerdings unterscheiden sich auch Taschen-BHs hinsichtlich Größe, Schnitt und Fassungsvermögen. Nicht jede Silikonbrust passt automatisch in jede Prothesentasche.
Sport-BHs, Bralettes und trägerlose BHs
Sport-BHs sollen die Brust bei Bewegung stabilisieren. Dafür besitzen viele Modelle breite Träger, ein festes Unterbrustband und eine besonders stützende Konstruktion. Sie können auch für Crossdresser interessant sein, die viel unterwegs sind oder leichte Brustformen tragen. Allerdings erzeugen sie häufig eine andere Silhouette als klassische BHs.
Eine Bralette ist meist weich, häufig bügellos und weniger stark formgebend. Sie eignet sich vor allem für leichtere Einlagen oder für Crossdresser, denen ein angenehmes Tragegefühl wichtiger ist als eine ausgeprägte Brustform.
Trägerlose BHs müssen ohne Schulterträger auskommen. Deshalb benötigen sie eine besonders gute Passform und ausreichenden Halt durch das Unterbrustband und die übrige Konstruktion. Bei schweren Silikonbrüsten kann das schwierig werden, weshalb man solche Modelle unbedingt vor einem längeren Ausflug testen sollte.
Hier passt unsere Bildergalerie mit den neun BH-Varianten hervorragend hin.
Woran erkenne ich einen gut sitzenden BH?
Nach all der Theorie stellt sich natürlich die entscheidende Frage: Woran erkennst du überhaupt, ob ein BH richtig sitzt?
Besonders wichtig ist das Unterbrustband. Es übernimmt einen großen Teil der Stützfunktion und sollte fest, aber angenehm am Körper anliegen. Am Rücken sollte es möglichst waagerecht verlaufen und bei Bewegung nicht nach oben rutschen.
Die Träger unterstützen die Körbchen, sollten aber nicht das gesamte Gewicht tragen müssen. Wenn sie stark einschneiden oder ständig von den Schultern rutschen, lohnt es sich, nicht nur ihre Länge, sondern auch den Sitz des Unterbrustbandes und die Trägerposition zu überprüfen.
Die Körbchen sollten das Brustvolumen möglichst vollständig aufnehmen, ohne deutlich abzustehen oder die Brustformen zusammenzudrücken. Bei Bügel-BHs ist außerdem wichtig, dass die Bügel nicht unangenehm auf den Brustkorb drücken.
Gerade bei Silikonbrüsten können dabei andere Anforderungen entstehen als bei natürlichen Brüsten. Deshalb reicht es nicht, nur auf die Größentabelle zu vertrauen.
Und schließlich muss ein BH nicht nur vor dem Spiegel gut aussehen. Wenn du mehrere Stunden en femme unterwegs bist, möchtest du dich bewegen, sitzen oder einkaufen können, ohne ständig etwas zurechtrücken zu müssen.
Mein Tipp: Probiere einen neuen BH deshalb nicht nur im Stehen an. Setze dich hin, bewege die Arme, beuge dich vorsichtig nach vorne und überprüfe anschließend, ob noch alles an seinem Platz sitzt.
Fazit: Die Größe ist nur der Anfang
Ein gut sitzender BH beeinflusst nicht nur die Brustform, sondern die gesamte feminine Silhouette. Gerade für Crossdresser, die mit Silikonbrüsten oder Einlagen arbeiten, kann er einen erheblichen Unterschied machen.
Dabei sind Unterbrustumfang und Körbchengröße lediglich die Grundlage. Mindestens genauso wichtig sind Körbchenform, Bügelbreite, Trägerposition und die Frage, welche Brustformen verwendet werden.
Du brauchst deshalb nicht unbedingt einen speziellen BH für Crossdresser. Viele ganz normale Damen-BHs können hervorragend funktionieren. Entscheidend ist, dass ihre Konstruktion zu deinem Körper und deinen Anforderungen passt.
Im zweiten Teil dieser Serie beschäftigen wir uns mit genau diesen Unterschieden. Wir schauen uns an, welche BHs sich für kleine, große und sehr große Silikonbrüste eignen, was bei Silikonpads, Schaumstoffeinlagen oder improvisierten Füllungen wichtig ist und welche Besonderheiten beim Arbeiten mit Tape oder Silikontorsos entstehen.
Denn erst wenn BH und Brustform zusammenpassen, entsteht ein Ergebnis, das nicht nur gut aussieht, sondern sich auch im Alltag bewährt.
Tamara
