Vielleicht kennst du solche Tipps aus Reels oder TikToks: Reibe deine Handgelenke aneinander und rieche daran. Riecht deine Haut nach Zwiebeln, sollst du zu Citrus oder grünen Düften greifen. Bei einem süßlichen Eigengeruch seien fruchtige oder florale Parfums ideal, bei einem salzigen Geruch dagegen aquatische oder minzige Düfte.
Das klingt angenehm einfach. Man bestimmt seinen Hauttyp, sucht die passende Duftfamilie aus und hat sein perfektes Parfum gefunden.
Nur leider funktioniert unsere Haut nicht wie eine Dufttabelle.
Trotzdem steckt hinter dem Begriff „Hautchemie“ durchaus etwas Reales. Ein und dasselbe Parfum kann auf zwei Menschen unterschiedlich wirken und sich im Laufe der Stunden auch unterschiedlich entwickeln. Neuere Untersuchungen bestätigen, dass Eigenschaften der Haut beeinflussen können, wie schnell einzelne Duftmoleküle verdunsten.
Was bedeutet „Hautchemie“ überhaupt?
Der Begriff klingt ein wenig so, als würden sich Parfum und Haut nach dem Aufsprühen zu völlig neuen chemischen Stoffen verbinden. Das ist normalerweise nicht das, was passiert.
Bereits frühere Untersuchungen zeigten, dass chemische Veränderungen von Parfumbestandteilen auf sauberer, trockener Haut eher gering sind. Deutlich wichtiger sind physikalische Vorgänge: Duftstoffe verdunsten unterschiedlich schnell, bleiben unterschiedlich lange auf der Haut und gelangen dadurch in jeweils anderer Konzentration zu unserer Nase.
Wenn wir umgangssprachlich von „Hautchemie“ sprechen, meinen wir deshalb eigentlich ein ganzes Bündel verschiedener Einflüsse. Dazu gehören unter anderem Hautfeuchtigkeit, Hautfette, Temperatur, natürlicher Hautgeruch und die Eigenschaften der einzelnen Duftstoffe.
Das Ergebnis kann durchaus hörbar, beziehungsweise riechbar sein: Auf einer Person tritt vielleicht eine bestimmte Note stärker hervor, während sie bei einer anderen schneller verschwindet.
Hautfett und Feuchtigkeit spielen eine Rolle
Unsere Haut ist bei weitem keine neutrale Oberfläche. Sie enthält Wasser, Hautfette und zahlreiche andere Stoffe. Außerdem unterscheidet sie sich von Mensch zu Mensch und sogar an verschiedenen Stellen desselben Körpers.
In Untersuchungen zur Duftverdunstung werden deshalb unter anderem Hautfeuchtigkeit, Talggehalt und pH-Wert gemessen. Eine aktuelle Studie konnte Unterschiede bei der Verdunstung von Duftmolekülen zwischen verschiedenen Personen feststellen und bringt diese sowohl mit Eigenschaften der Duftstoffe als auch mit Eigenschaften der Haut in Verbindung.
Das erklärt auch, warum der Teststreifen in der Parfümerie nur einen ersten Eindruck liefern kann. Papier besitzt eben keine Hautfette, keine Feuchtigkeit und keine Körpertemperatur. Ein Parfum kann dort deshalb etwas anders wirken als später auf deinem Arm.
Wie du einen Duft sinnvoll auf Papier und anschließend auf der Haut testest, schauen wir uns im nächsten Artikel genauer an.
Und was ist mit dem pH-Wert?
Kaum ein Begriff fällt beim Thema Hautchemie so häufig wie der pH-Wert. Oft liest man sogar, der individuelle Haut-pH entscheide darüber, ob ein Parfum auf einem Menschen gut oder schlecht riecht.
Dafür ist die Lage wesentlich weniger eindeutig, als viele Ratgeber vermuten lassen. In einer Untersuchung mit den Duftstoffen Geraniol und Citronellol zeigte sich beispielsweise keine relevante Veränderung der Verdunstungsrate innerhalb eines pH-Bereichs von 4 bis 7. Das bedeutet nicht, dass der pH-Wert unter allen Umständen bedeutungslos ist. Aber für die verbreitete Vorstellung „mein pH-Wert verändert dieses Parfum komplett“ gibt es keine so einfache wissenschaftliche Grundlage.
Die Hautchemie auf eine einzelne Zahl zu reduzieren, wäre also viel zu simpel.
Auch dein eigener Körpergeruch mischt mit
Interessanter wird es beim natürlichen Hautgeruch. Jeder Mensch besitzt einen eigenen Geruch, der unter anderem durch Schweiß, Hautfette und Mikroorganismen auf der Haut entsteht.
Schweiß selbst riecht zunächst kaum. Typischer Körpergeruch entsteht vor allem dann, wenn Hautbakterien Bestandteile des Schweißes verarbeiten. Ernährung, Stress, Hormone, Medikamente und andere Faktoren können diesen Geruch zusätzlich verändern. Er kann unter anderem säuerlich, süßlich oder tatsächlich auch zwiebelartig wirken.
Und genau hier liegt das Problem mit dem eingangs erwähnten Handgelenk-Test.
Wenn deine Haut heute leicht süßlich riecht, bedeutet das nicht, dass du grundsätzlich ein „fruchtiger Dufttyp“ bist. Dein Eigengeruch kann sich verändern und ist außerdem nur ein Teil dessen, was du später zusammen mit einem Parfum wahrnimmst.
Eine wissenschaftlich begründete Zuordnung nach dem Muster „Zwiebel = Citrus“, „süß = fruchtig“ oder „salzig = aquatisch“ gibt es nicht.
Temperatur verändert ebenfalls die Wahrnehmung
Auch Wärme beeinflusst, wie Duftstoffe von der Haut in die Luft gelangen. Das ist eigentlich recht logisch: Parfum besteht aus flüchtigen Substanzen, und deren Verdunstung hängt unter anderem von Temperatur und ihren jeweiligen physikalischen Eigenschaften ab.
Deshalb kann ein Parfum an einem warmen Tag oder auf warmer Haut kräftiger erscheinen und einzelne Noten schneller entwickeln als bei niedrigeren Temperaturen. Auch das trägt dazu bei, dass ein Duft nicht unter allen Bedingungen exakt gleich wirkt. Untersuchungen zur Duftverdunstung auf Haut berücksichtigen die Temperatur deshalb ausdrücklich als wichtigen Faktor.
Damit wird „Wie riecht dieses Parfum auf mir?“ zu einer viel interessanteren Frage als „Welchen Hauttyp habe ich?“.
Warum derselbe Duft trotzdem derselbe Duft bleibt
Bei all dem sollte man die Hautchemie aber auch nicht überbewerten. Ein Rosenduft verwandelt sich auf deiner Haut nicht plötzlich in einen Citrusduft und Vanille wird nicht zu Lavendel.
Die grundsätzliche Komposition bleibt dieselbe. Unterschiede entstehen eher darin, welche Bestandteile besonders deutlich wahrnehmbar sind, wie schnell sie verschwinden und wie sich das Parfum mit deinem natürlichen Hautgeruch verbindet.
Manchmal sind diese Unterschiede gering. Manchmal sind sie erstaunlich deutlich. Genau deshalb kann die Empfehlung einer Freundin hilfreich sein, aber niemals garantieren, dass dir derselbe Duft auf deiner eigenen Haut genauso gut gefällt.
Was bedeutet das für die Parfumauswahl?
Eigentlich etwas ziemlich Einfaches: Lass dich von Hauttypen-Tests nicht verrückt machen.
Du musst nicht herausfinden, ob deine Haut „süß“, „salzig“ oder „zwiebelig“ riecht, bevor du eine Parfümerie betreten darfst. Und du brauchst auch keine Tabelle, die daraus deine angeblich ideale Duftfamilie errechnet.
Wenn dir ein Duft grundsätzlich gefällt, ist das schon einmal ein guter Anfang. Danach muss er nur noch eine Chance bekommen, sich auf deiner eigenen Haut zu zeigen.
Denn genau dort wirst du ihn später tragen.
Wie du das richtig testest, warum du einem Parfum dafür etwas Zeit geben solltest und weshalb Handgelenke-Reiben und Kaffeebohnen nicht ganz das bewirken, was häufig behauptet wird, darum geht es im nächsten Beitrag dieser Reihe.
💕 Tamara
Hier findest du alle Beiträge zum Thema Parfum:
Parfum, Teil 1: Welches Parfum passt zu mir? Duftfamilien und ihre Wirkung
Parfum, Teil 2: Hautchemie und Parfum: Warum Düfte auf jeder Haut anders riechen
Parfum, Teil 3: Parfum richtig testen und tragen: Die wichtigsten Regeln und Duft-Mythen
Parfum, Teil 4: Parfum im Alltag: Anlass, Alter, Weiblichkeit und die eigene Duftgarderobe
