Ein neues Parfum auszusuchen klingt zunächst einfach: aufsprühen, daran riechen, gefällt oder gefällt nicht. In der Parfümerie stehen schließlich genügend Teststreifen bereit, um genau das auszuprobieren.
Ganz so schnell würde ich mich allerdings nicht entscheiden. Denn der Duft unmittelbar nach dem Aufsprühen ist nur der Anfang. Ein Parfum verändert sich über mehrere Stunden, und gerade die Noten, die später übrig bleiben, entscheiden oft darüber, ob man es wirklich gerne trägt.
Dazu kommen einige Regeln, die man ständig hört: Handgelenke niemals aneinanderreiben, zwischendurch an Kaffeebohnen riechen, Parfum nur auf bestimmte Körperstellen sprühen und am besten immer Eau de Parfum kaufen. Einiges davon ist sinnvoll, anderes zumindest etwas übertrieben.
Erst Papier, dann Haut
Teststreifen sind ideal, um aus einer größeren Auswahl erst einmal ein paar Kandidaten herauszufiltern. Wenn mir ein Duft auf Papier bereits überhaupt nicht gefällt, muss ich ihn wahrscheinlich auch nicht unbedingt auf meiner Haut ausprobieren.
Die Favoriten würde ich anschließend aber immer auf der Haut testen. Wie wir im vorherigen Artikel gesehen haben, können Hautfeuchtigkeit, Hautfette, Temperatur und der eigene Körpergeruch beeinflussen, wie sich ein Parfum entwickelt.
Dabei reichen zwei oder höchstens drei Düfte gleichzeitig vollkommen aus. Zum Beispiel einer am linken, einer am rechten Unterarm. Bei fünf oder sechs Kandidaten weiß man irgendwann ohnehin nicht mehr, welcher Duft gerade wo sitzt.
Einem Parfum Zeit geben
Der wahrscheinlich wichtigste Tipp beim Parfumkauf lautet deshalb: Nicht nach den ersten Minuten entscheiden.
Direkt nach dem Aufsprühen sind vor allem Alkohol und die besonders flüchtigen Kopfnoten wahrnehmbar. Danach treten nach und nach Herz- und Basisnoten hervor und der Duft kann sich deutlich verändern.
Ich würde nach etwa 20 bis 30 Minuten das erste Mal ernsthaft beurteilen, wie mir ein Parfum gefällt, und später noch einmal daran riechen. Noch besser ist es, die Parfümerie erst einmal zu verlassen, einen Kaffee trinken zu gehen oder weiter durch die Stadt zu bummeln. Nach ein oder zwei Stunden weiß man schon wesentlich mehr.
Bei einem teureren Parfum lohnt es sich außerdem, nach einer Probe zu fragen. Dann kannst du es an einem normalen Tag tragen und feststellen, ob du es auch nach mehreren Stunden noch gerne riechst.
Handgelenke, Kaffeebohnen und andere kleine Mythen
Dass man die Handgelenke nach dem Aufsprühen besser nicht aneinanderreibt, ist durchaus eine sinnvolle Empfehlung. Die oft gehörte Erklärung, dabei würden die Duftmoleküle regelrecht „zerstört“, ist allerdings etwas dramatisch. Durch Reiben entsteht Wärme und besonders flüchtige Bestandteile können schneller verschwinden. Einfach aufsprühen und trocknen lassen ist deshalb die unkomplizierteste Lösung.
Auch die berühmten Kaffeebohnen in Parfümerien sind kein magischer Reset für die Nase. Kaffee ist schließlich selbst ein intensiver Geruch. Wenn nach mehreren Parfums alles langsam ähnlich riecht, hilft meist eine kurze Pause oder etwas frische Luft besser.
Auf Kleidung kann ein Duft teilweise länger haften als auf der Haut. Bei hellen oder empfindlichen Stoffen besteht allerdings die Gefahr von Flecken. Deshalb würde ich Parfum in erster Linie auf der Haut tragen und Kleidung nur vorsichtig besprühen.
Und wenn deine Haut sehr trocken ist, kann eine unparfümierte Bodylotion dazu beitragen, dass der Duft etwas länger wahrnehmbar bleibt. Beim eigentlichen Parfumtest würde ich allerdings auf stark duftende Cremes verzichten, weil sie das Ergebnis verfälschen können.
Mehr Wissenschaft muss daraus im Alltag eigentlich nicht werden.
Wo und wie viel Parfum?
Klassische Stellen sind Hals, Handgelenke oder Armbeugen. Durch die Körperwärme können die Duftstoffe dort gut an die Umgebung abgegeben werden. Du musst aber keineswegs sämtliche empfohlenen „Pulspunkte“ gleichzeitig einsprühen.
Wie viele Sprühstöße sinnvoll sind, hängt stark vom jeweiligen Parfum ab. Ein leichter Duft verträgt möglicherweise etwas mehr, ein intensives Eau de Parfum deutlich weniger.
Für mich ist dabei eine einfache Vorstellung hilfreich: Wer neben mir steht oder mit mir spricht, darf mein Parfum durchaus wahrnehmen. Der ganze Raum muss aber nicht schon wissen, dass ich angekommen bin.
Gerade in Restaurants, Theatern, öffentlichen Verkehrsmitteln oder anderen geschlossenen Räumen empfinde ich Zurückhaltung als wesentlich angenehmer.
Eau de Toilette oder Eau de Parfum?
Die Bezeichnungen geben zunächst einen Hinweis auf die Konzentration der Duftstoffe. Ein Eau de Toilette ist normalerweise leichter konzentriert als ein Eau de Parfum, während klassisches Parfum noch stärker konzentriert ist.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Eau de Parfum immer die bessere Wahl ist. Häufig unterscheiden sich verschiedene Konzentrationen desselben Duftes sogar etwas in ihrer Zusammensetzung. Das Eau de Toilette kann frischer und leichter wirken, während das Eau de Parfum wärmere oder tiefere Noten stärker betont.
Wenn es mehrere Varianten gibt, lohnt es sich deshalb, sie tatsächlich miteinander zu vergleichen und nicht einfach automatisch zur stärkeren Version zu greifen.
„Ich rieche mein Parfum gar nicht mehr“
Noch eine kleine Falle: Nur weil du dein eigenes Parfum nach einigen Stunden kaum noch wahrnimmst, muss es nicht verschwunden sein.
Unser Geruchssinn gewöhnt sich an Gerüche, denen er längere Zeit ausgesetzt ist. Für andere Menschen kann dein Parfum deshalb noch gut wahrnehmbar sein, obwohl du selbst fast nichts mehr davon bemerkst.
Bevor du also großzügig nachsprühst, frag im Zweifel jemanden, der gerade neu dazukommt. Das schützt ganz nebenbei vor der bekannten Situation, in der man selbst überzeugt ist, ausgesprochen dezent zu duften, während das Umfeld schon aus zwei Metern Entfernung das Gegenteil feststellt.
Mein Fazit: Weniger Regeln, mehr Zeit
Parfum richtig zu testen ist eigentlich gar nicht kompliziert. Teststreifen helfen bei der Vorauswahl, die interessantesten Kandidaten kommen anschließend auf die Haut. Danach braucht es vor allem etwas Geduld.
Nicht sofort entscheiden, nicht zu viele Düfte gleichzeitig ausprobieren und einem Parfum die Gelegenheit geben, sich über einige Stunden zu entwickeln. Die meisten anderen Regeln sind eher kleine Optimierungen als große Geheimnisse.
Und wenn du nach zwei oder drei Stunden immer wieder gerne an deinem Handgelenk riechst und denkst: „Der gefällt mir immer noch“, dann ist das wahrscheinlich eines der besten Zeichen überhaupt.
Im letzten Artikel dieser Reihe geht es dann um die persönlichere Seite des Themas: Welcher Duft passt zu welchem Anlass? Welche Rolle spielen Alter und Jahreszeit? Muss ein Parfum für uns Crossdresser überhaupt besonders feminin sein? Und braucht man vielleicht sogar einen eigenen Duft für die weibliche Seite?
💕 Tamara
Hier findest du alle Beiträge zum Thema Parfum:
Parfum, Teil 1: Welches Parfum passt zu mir? Duftfamilien und ihre Wirkung
Parfum, Teil 2: Hautchemie und Parfum: Warum Düfte auf jeder Haut anders riechen
Parfum, Teil 3: Parfum richtig testen und tragen: Die wichtigsten Regeln und Duft-Mythen
Parfum, Teil 4: Parfum im Alltag: Anlass, Alter, Weiblichkeit und die eigene Duftgarderobe
