Ich poste Bilder, keine Kontaktanzeige

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„Hi.“
„Hello.“
„Wie geht’s dir denn so?“
„Hi, beautiful photo.“
„Schöne Frau 🔥“
„Guten Morgen mein schönes Mädchen 💋❤️“

Dazu kommen Herzchen, Rosen-GIFs, Flammen, Daumen hoch oder einfach nur eine kurze Direktnachricht ohne jeden Bezug.

Wer sich sichtbar und feminin auf Social Media zeigt, kennt solche Kommentare und Direktnachrichten vielleicht. Wer sich wie ich als Crossdresser präsentiert, vermutlich erst recht.

Es geht mir dabei nicht um ein einzelnes ungeschicktes „Hi“. Es geht auch nicht darum, dass mir grundsätzlich niemand schreiben dürfte. Was mich stört, ist dieses Muster aus Inhaltsleere, schneller Kontaktanbahnung und der stillen Annahme, ein sichtbar feminines Profil müsse doch automatisch offen für Annäherung sein.

Das ist der Punkt, an dem es für mich unangenehm wird.

Es beginnt oft harmlos und ist genau deshalb so nervig

Wenn man einzelne Nachrichten isoliert betrachtet, wirken viele davon beinahe belanglos. Ein „Hallo“ ist natürlich noch keine Grenzüberschreitung. Ein Herz-Emoji auch nicht. Selbst ein „Wie geht’s dir?“ ist für sich genommen auch kein Drama.

Aber so funktionieren solche Dinge eben oft nicht. Sie wirken nicht durch den einen einzelnen Satz, sondern durch ihre Summe. Durch ihre Austauschbarkeit. Durch ihre Beliebigkeit. Und vor allem dadurch, dass sie meistens überhaupt nichts mit dem zu tun haben, was ich zeige oder schreibe.

Da reagiert jemand nicht auf einen Gedanken, nicht auf einen Text, nicht auf ein Erlebnis und oft nicht einmal wirklich auf das konkrete Foto. Stattdessen kommt irgendeine Standardnachricht, die genauso gut an zwanzig andere Profile geschickt worden sein könnte. Genau das ist es, was mich daran stört: Es ist kein echter Austausch. Es ist kein Gesprächsbeginn. Es ist meistens nur ein Reflex.

Wer Bilder postet, ist nicht automatisch auf der Suche. Wer sich feminin zeigt, lädt damit nicht automatisch zu Flirts, Direktnachrichten oder Kennenlernversuchen ein. Und wer sich im Netz sichtbar macht, stellt damit noch lange keine Kontaktanzeige online.

Trotzdem scheint genau diese Vorstellung bei manchen im Hintergrund mitzuschwingen. Ein Profil zeigt Make-up, ein Outfit, vielleicht ein schönes Kleid oder einen schönen Rock, eine stimmige Ausstrahlung oder einfach eine Person, die sich bewusst feminin präsentiert, und schon wird daraus im Kopf offenbar etwas ganz anderes. Dann geht es nicht mehr um das, was tatsächlich gezeigt wird, sondern nur noch um Fantasie, Projektion oder die Idee, man könne ja einfach mal schreiben und sehen, ob etwas zurückkommt.

Ich präsentiere mich als Crossdresser feminin, bewusst und sichtbar. Ich teile Gedanken, Erlebnisse, Fotos und Eindrücke. Aber daraus ergibt sich kein Anspruch auf persönliche Annäherung. Sichtbarkeit ist kein Angebot. Und ein femininer Auftritt ist kein Freibrief für belanglose oder aufdringliche Nachrichten.

Erst schauen, dann schreiben

Was mich an vielen dieser Reaktionen zusätzlich stört, ist die fehlende Bereitschaft, überhaupt zu unterscheiden.

Natürlich gibt es in sozialen Netzwerken auch Profile, die sehr bewusst mit Reizen, Fantasien oder einer erotischen Wirkung arbeiten. Manche setzen genau auf solche Reaktionen, spielen mit ihnen oder wünschen sie sich vielleicht sogar ausdrücklich. Das ist ihre Entscheidung und völlig legitim.

Aber genau deshalb wäre es doch naheliegend, sich vor dem Schreiben erst einmal anzuschauen, worum es auf einem Profil überhaupt geht. Was wird dort gezeigt? Wie wird dort geschrieben? Ist das eine Bühne für Fantasie, eine flirtende Inszenierung oder eher ein persönliches Profil mit Stil, Gedanken, Erlebnissen und einem ganz anderen Anspruch?

Diese Unterschiede sind oft gar nicht schwer zu erkennen. Man muss nur bereit sein, mehr zu sehen als ein einzelnes Bild. Wer das nicht tut und stattdessen sofort mit „Hi“, Herzchen, Rosen oder Kennenlernversuchen loslegt, zeigt ziemlich deutlich, dass ihn weniger das Profil interessiert als die eigene Vorstellung davon.

Worte sind das eine. Die Haltung dahinter ist das andere.

Hier liegt für mich der eigentliche Kern des Problems.

Mich stören nicht einzelne Formulierungen. Mich stört die Haltung, aus der sie kommen. Wer wirklich an einem Menschen interessiert ist, schreibt anders. Dann gibt es irgendeinen Bezug. Dann merkt man, dass die andere Person gesehen hat, worum es auf dem Profil überhaupt geht. Und es wird vielleicht auf einen Gedanken eingegangen, auf ein Outfit, auf eine Erfahrung oder auf einen bestimmten Beitrag.

Bei vielen der Nachrichten, um die es mir hier geht, passiert aber genau das nicht. Da wird nicht gelesen, nicht eingeordnet und nicht verstanden. Da wird einfach kurz reagiert. Ein Bild gesehen, etwas hineingedeutet, eine spontane Nachricht abgeschickt. Möglichst schnell, möglichst bequem und oft offenbar in der Hoffnung, dass schon irgendetwas zurückkommt.

Das mag für den Absender niedrigschwellig sein. Für die empfangende Person wirkt es oft billig, austauschbar und einfallslos.

Wenn sich ein Mann als Crossdresser feminin zeigt, wird das von manchen Menschen außerdem sehr schnell in eine bestimmte Richtung interpretiert. Dann geht es plötzlich nicht mehr um Stil, nicht mehr um Selbstausdruck, nicht mehr um Freude an der Verwandlung oder um das, was auf dem Profil tatsächlich erzählt wird. Stattdessen werden Fantasien, Rollenbilder oder auch Fetischvorstellungen darübergelegt, die mit dem konkreten Profil oft wenig zu tun haben.

Das stört mich zusätzlich an der Sache. Ich zeige mich als Tamara. Ich trete feminin auf, style mich entsprechend und teile Erfahrungen aus genau diesem Lebensteil. Aber daraus folgt nicht, dass ich automatisch nach Aufmerksamkeit, Flirts oder gar einer Beziehung suche. Mein Profil ist keine Kontaktanzeige. Wer trotzdem genau das hineinliest, reagiert nicht auf das, was ich tatsächlich zeige, sondern auf eine Vorstellung, die im eigenen Kopf entstanden ist.

Viele dieser Nachrichten sprechen deshalb nicht die reale Person oder das reale Profil an, sondern nur eine Vorstellung, die sich irgendjemand in wenigen Sekunden zusammengereimt hat.

Und dann gibt es noch die, die einfach nicht aufhören

Auch das gehört leider dazu.

Eine Direktnachricht ist für mich nicht einfach nur ein neutraler technischer Kanal. Sie ist persönlicher als ein öffentlicher Kommentar und dringt schneller in den privaten Bereich ein. Gerade deshalb sollte man dort eigentlich etwas mehr Fingerspitzengefühl erwarten dürfen.

Unangenehm wird es, wenn manche Leute schlicht nicht aufhören. Gerade auf Facebook habe ich mehrfach erlebt, dass es eben nicht bei einer einzelnen Nachricht bleibt. Wenn keine Antwort kommt, folgt irgendwann die nächste. Dann noch eine. Vielleicht ein paar Stunden später, vielleicht am nächsten Tag. Wieder ein „Hallo“, wieder ein Emoji, wieder irgendein Versuch, doch noch Aufmerksamkeit zu bekommen.

Spätestens da geht es nicht mehr um eine etwas unbeholfene Kontaktaufnahme. Dann wird es einfach lästig. Denn wer nach ausbleibender Reaktion immer weiter schreibt, zeigt ziemlich deutlich, dass Grenzen entweder nicht erkannt oder bewusst ignoriert werden. Beides macht die Sache nicht besser.

Natürlich ist nicht jede Nachricht automatisch daneben. Das ist mir wichtig. Es gibt freundliche Rückmeldungen, respektvolle Kommentare und auch ehrliche Komplimente, über die man sich durchaus freuen kann.

Der Unterschied liegt für mich weniger in einzelnen Wörtern als in Ton, Kontext und Absicht. Ein respektvoller Kommentar hat Bezug. Er lässt Raum. Er erkennt, dass hinter einem Profil ein Mensch mit einer bestimmten Haltung und einem bestimmten Thema steht. Eine platte DM oder ein beliebiger Anmachspruch macht genau das nicht. Er greift vor, unterstellt Nähe und beansprucht Aufmerksamkeit, obwohl es dafür gar keine Grundlage gibt.

Was ich mir stattdessen wünschen würde

Eigentlich gar nicht so viel.

Ein bisschen Aufmerksamkeit wäre schon ein guter Anfang. Ein kurzer Blick auf das Profil, auf die Inhalte und auf die Frage, worum es dort überhaupt geht, würde vermutlich schon reichen, um viele dieser überflüssigen Nachrichten gar nicht erst abzuschicken.

Und wenn man dann tatsächlich etwas schreiben möchte, dann doch bitte mit etwas Substanz. Mit einem Bezug zu dem, was gezeigt oder gesagt wurde. Mit Respekt. Mit Anstand. Oder man lässt es einfach.

Denn Social Media lebt zwar von Austausch, aber Austausch ist nicht dasselbe wie Anmache. Kommunikation ist nicht dasselbe wie Verfügbarkeit. Und Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Einladung.

Mein Fazit

Ich poste Bilder, Gedanken, Erlebnisse und Eindrücke. Keine Kontaktanzeige.

Wer meine Inhalte mag, darf sie gern anschauen, lesen, liken und im besten Fall etwas daraus mitnehmen. Auch ein netter, kluger oder respektvoller Kommentar ist natürlich willkommen. Aber diese Mischung aus belanglosen Floskeln, Emoji-Dauerfeuer, wiederholtem Nachsetzen und plumpen Annäherungsversuchen braucht wirklich kein Mensch.

Danke an alle, die sich die Mühe machen, wirklich hinzuschauen, sinnvoll zu schreiben und respektvoll zu bleiben. Genau solche Nachrichten und Kommentare zeigen, dass Social Media sehr wohl ein guter Ort für echten Austausch sein kann.

Und an alle anderen: Vielleicht vor dem nächsten „Hi“, Emoji oder Kennenlernversuch einfach kurz überlegen, ob da gerade wirklich Interesse spricht oder nur ein schneller Reflex.

Denn diese Art von Nachrichten zeigt meistens nicht echtes Interesse. Sie zeigt vor allem, dass manche Menschen immer noch glauben, ein femininer Auftritt im Netz sei automatisch eine Einladung, persönlich anzudocken.

Ist er nicht.

Und genau das nervt mich.

Tamara 💕

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