Es gibt einen Moment am Ende eines Tamara-Tages, der sich jedes Mal ein bisschen ähnlich anfühlt. Ich komme nach Hause, stelle die Handtasche ab, ziehe die Schuhe aus und räume die Sachen weg. Das Kleid oder die Bluse kommt zurück auf den Bügel, Schmuck und Accessoires an ihren Platz. Irgendwann nehme ich die Perücke ab und beginne, mich abzuschminken.
Nach zwei oder drei Stunden Styling am Vormittag, Fotos zu Hause und anschließend vielleicht sechs, acht oder noch mehr Stunden unterwegs verschwindet Tamara innerhalb relativ kurzer Zeit wieder aus dem Spiegel. Zumindest äußerlich.
Und manchmal denke ich dabei tatsächlich: Schade, dass es schon vorbei ist.
Aber ist es wirklich vorbei?
Ein Tamara-Tag beginnt lange vor der Haustür
Wenn ich nicht gerade sehr früh losmuss, beginnt so ein Tag bei mir meistens recht entspannt. Am Vormittag wird geschminkt und gestylt. Je nachdem, was ich vorhabe und wie aufwendig das Make-up werden soll, können dafür schon einmal ein paar Stunden vergehen. Das klingt nach viel Zeit. Ist es auch. Aber für mich gehört diese Vorbereitung zum Tag dazu.
Make-up, Perücke, Outfit, Schmuck, vielleicht noch einmal ein anderer Lippenstift oder die Frage, welche Schuhe besser passen. Wenn alles fertig ist, folgen meistens erst einmal Fotos zu Hause. Wohnzimmer, Küche, Balkon, manchmal mehrere Outfits. Ein bisschen Eitelkeit darf schließlich sein. 😊
Danach kommt das endgültige Outfit, die Handtasche wird gepackt und irgendwann geht es raus. Wohin, ist eigentlich gar nicht so entscheidend. Ein Café, ein Einkaufszentrum, ein Gartencenter, ein Park, ein Museum, ein Restaurant oder später noch ins Theater. Vieles davon habe ich inzwischen gemacht. Oft geht es gar nicht darum, etwas Spektakuläres zu erleben. Ich möchte einfach unterwegs sein.
Laufen, schauen, Kaffee trinken, einkaufen, essen, Menschen begegnen, vielleicht ein paar Fotos machen und ganz selbstverständlich als Tamara mitten im normalen Leben stehen.
Und irgendwann ist auch der schönste Tag zu Ende.
Schuhe aus. BH aus. Feierabend.
Nach einem langen Tag gibt es durchaus einen ganz pragmatischen Teil des Frauseins. Irgendwann tun die Füße weh. Dann sind selbst die schönsten Schuhe plötzlich hauptsächlich eines: Schuhe, die man endlich ausziehen möchte.
Und ich glaube, da geht es mir nicht anders als vielen Frauen auch. Schuhe weg, BH und Silikoneinlagen raus, eventuell vorhandene Shapewear ebenfalls aus und erst einmal etwas Bequemes anziehen. Vielleicht ein Nachthemd, vielleicht Jogginghose und T-Shirt. Je nachdem, wie warm es ist und wonach mir gerade ist.
Das bedeutet aber nicht, dass ich froh bin, Tamara wieder loszuwerden. Ganz im Gegenteil. Bei einem langen Tag können zwei Gefühle problemlos gleichzeitig existieren: Es war wunderschön. Schade, dass es vorbei ist. Und jetzt bitte endlich raus aus den Schuhen.
Bei einem kürzeren Tamara-Tag ist das sogar noch deutlicher. Dann habe ich manchmal das Gefühl, gerade erst richtig angekommen zu sein, und schon beginnt das Abschminken wieder. Dann denke ich viel schneller, dass ich das alles eigentlich gerne noch ein paar Stunden länger genossen hätte.
Und dann geht der Computer noch einmal an
Eigentlich könnte der Tag jetzt beendet sein. Ist er aber meistens noch nicht. Denn auch wenn es nur für eine halbe Stunde ist, wird der Computer noch einmal eingeschaltet. Die Fotos und Videos vom Handy werden übertragen. Vielleicht steht daneben noch ein Glas Wein.
Und dann beginnt für mich ein ganz besonderer Teil des Tages: Ich schaue ihn mir noch einmal an.
Natürlich freue ich mich zuerst einmal darüber, wenn schöne Bilder entstanden sind. Je mehr, desto besser. Und ja, manchmal sitze ich da und denke: Das ist wirklich ein schönes Foto. Oder vielleicht sogar: Da sehe ich richtig gut aus.
Warum auch nicht? Selbstliebe und ein bisschen Eitelkeit dürfen sein. Gerade wenn man vorher einige Stunden vor dem Spiegel gestanden hat. 😊
Aber beim Durchsehen der Bilder passiert noch etwas anderes. Ich erinnere mich an den Tisch im Café, an einen Blick auf der Straße, an eine Verkäuferin, mit der ich gesprochen habe, oder an einen Moment, in dem mein Passing offensichtlich sehr gut funktioniert hat. Und manchmal auch an eine Situation, bei der ich ziemlich sicher bin, dass mein Gegenüber genau wusste, dass da gerade keine biologische Frau vor ihm steht.
Und dann? Meistens passiert danach einfach nichts Besonderes.
Vielleicht ein Blick. Vielleicht ein kurzes Lächeln. Vielleicht ein Moment der Neugier. Und danach geht jeder wieder seines Weges.
Genau das ist etwas, das mir diese Tage immer wieder zeigen: Die meisten Situationen, vor denen man sich vorher so viele Gedanken machen könnte, passieren entweder überhaupt nicht oder sind sehr viel unspektakulärer, als man sie sich im Kopf ausgemalt hat.
Die Fotos zeigen mehr als ein Outfit
Natürlich sind die Bilder Erinnerungen. Aber sie sind für mich inzwischen noch etwas anderes. Sie zeigen mir, was ich erlebt habe.
Nicht nur, wie mein Rock gefallen ist oder ob die Perücke richtig saß. Sie erinnern mich daran, dass ich dort gewesen bin. Im Café. Im Theater. Im Restaurant. Auf Reisen. Beim Einkaufen. Mitten unter anderen Menschen. Als Tamara.
Und dass es funktioniert hat.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum diese Bilder für mich so wichtig sind. Sie sind nicht nur schöne Aufnahmen für Facebook, Instagram oder meinen Blog. Sie sind kleine Belege dafür, dass ich mir diese Erlebnisse nicht nur vorgestellt habe. Ich habe sie gelebt.
Nicht jeder Abend ist ein Abschied
Noch einmal anders fühlt sich das Ganze an, wenn ich mehrere Tage am Stück als Tamara unterwegs bin. Auf Teneriffa waren es damals zehn Tage. Auch bei anderen Reisen gab es mehrere Tage hintereinander, an denen Tamara ganz selbstverständlich zum Tagesablauf gehörte.
Und da bekommt das Abschminken am Abend eine völlig andere Bedeutung. Dann ist es kein Abschied. Es ist einfach das Ende des Tages. Make-up runter, Sachen aus, schlafen gehen. Denn am nächsten Morgen bin ich gedanklich sowieso schon wieder beim nächsten Outfit, beim Make-up und bei der Frage, was an diesem Tag passieren soll.
Der Tag endet. Tamara nicht.
Erst am letzten Abend einer solchen Reise verändert sich dieses Gefühl. Dann kommt dieses endgültige Abschminken. Die Sachen werden eingepackt, der Koffer geschlossen und dann ist dieses „Schade, dass es vorbei ist“ noch ein bisschen stärker. Vielleicht gerade deshalb, weil mehrere Tage lang etwas völlig selbstverständlich war, das im normalen Alltag eben nicht jeden Tag sichtbar ist.
Und am nächsten Morgen?
Dann beginnt wieder der normale Alltag. Kein Make-up, keine Perücke, kein Kleid. Und trotzdem ist Tamara nicht verschwunden.
In den nächsten Tagen sehe ich mir vielleicht noch einmal Fotos an. Ich überlege, welches Bild ich posten möchte. Vielleicht entsteht daraus ein Blogbeitrag. Vielleicht erinnert mich ein bestimmtes Foto wieder an eine lustige Situation oder ein schönes Gespräch. Und irgendwann denke ich darüber nach, was ich beim nächsten Mal machen könnte.
Der nächste Tamara-Tag kann schon ein paar Tage später kommen. Manchmal dauert es etwas länger.
Aber das Entscheidende ist für mich heute nicht mehr die Frage: Wann darf ich endlich wieder Tamara sein?
Viel wichtiger ist etwas anderes: Ich weiß, dass ich es sein kann, wenn ich möchte.
Und genau das verändert unglaublich viel.
Die Freiheit, es jederzeit tun zu können
Vielleicht ist das sogar der größte Unterschied zu früher. Tamara muss nicht ständig sichtbar sein. Ich muss nicht jeden Tag Make-up tragen oder Frauenkleidung anziehen, damit diese Seite von mir real bleibt. Ich muss nichts beweisen. Weder mir noch anderen.
Denn ich weiß inzwischen, dass ich diese Seite ausleben kann.
Wenn ich als Tamara einen Kaffee trinken möchte, kann ich das tun. Wenn ich ein Kleid kaufen möchte, kann ich in die Damenabteilung gehen und es kaufen. Wenn ich mich mit jemandem über Crossdressing unterhalten möchte, kann ich darüber sprechen. Ich muss keine Geschichten erfinden, warum ich Damenkleidung kaufe. Ich muss nicht behaupten, das Kleid sei für jemand anderen. Ich muss mich nicht verstecken.
Und vielleicht ist genau diese Möglichkeit inzwischen wichtiger geworden als die Häufigkeit.
Ich muss Tamara nicht jeden Tag leben, weil ich weiß, dass ich sie leben darf.
Dieser Gedanke macht mich ruhig.
Was Tamara verändert hat
Hat Tamara meinen männlichen Alltag verändert? Ein bisschen schon.
Ich würde mich nicht als unsicheren Menschen bezeichnen. Deshalb würde ich auch nicht sagen, dass Tamara aus einem schüchternen Menschen plötzlich einen selbstbewussten gemacht hat. Mein männlicher Alltag war schon vorher relativ stabil, funktional und in vielen Bereichen auch ziemlich unaufgeregt. Ich bewege mich dort ganz normal im Job, im Alltag, im sozialen Umfeld, ohne dass ich mich dabei grundsätzlich hinterfrage oder unsicher fühle.
Und genau deshalb ist die Veränderung durch Tamara auch keine radikale Persönlichkeitsverwandlung, sondern eher eine Verschiebung in der Wahrnehmung. Ich bin insgesamt offener geworden. Ich spreche leichter über Dinge, über die ich früher vielleicht lieber geschwiegen hätte. Gerade dann, wenn sie nicht in das klassische „männliche Erwartungsbild“ passen.
In meinem männlichen Alltag hat das auch dazu geführt, dass ich mich weniger in bestimmte Rollenbilder gedrängt fühle. Dinge, die früher vielleicht einfach „nicht thematisiert“ wurden, haben heute mehr Raum. Nicht, weil sich mein Umfeld komplett verändert hätte, sondern weil ich mich selbst anders darin bewege.
Insgesamt habe ich heute weniger Bedenken darüber, was andere Menschen über mich denken könnten. Früher spielte das eigentlich nur dann eine Rolle, wenn ich befürchtet habe, dass andere Menschen davon erfahren könnten, dass ich als Crossdresser unterwegs bin. In vielen anderen alltäglichen Situationen habe ich mir erstaunlich wenig Gedanken gemacht. Heute ist das alles insgesamt entspannter geworden.
Natürlich nehme ich auch heute wahr, wenn jemand schaut oder vielleicht etwas irritiert wirkt. Aber ich weiß inzwischen besser: Ein Blick ist erst einmal nur ein Blick. Und er sagt oft mehr über die andere Person aus als über mich.
Und wenn jemand weiß, dass ich Crossdresser bin – was dann?
Ich bin immer noch derselbe Mensch. Im Büro, im Alltag, im Gespräch mit anderen, als Mann genauso wie als Tamara.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Veränderungen überhaupt: Die beiden Seiten meines Lebens stehen nicht mehr in einem Spannungsverhältnis zueinander. Ich muss Tamara nicht in meinem männlichen Alltag rechtfertigen oder erklären. Und ich muss im Umkehrschluss auch meinen männlichen Alltag nicht vor Tamara schützen oder abgrenzen. Und trotzdem muss ich es nicht jedem sofort darlegen oder auf die Nase binden, denn ich entscheide selbst, wann, wie und mit wem ich darüber spreche.
Ich habe keine Zweifel mehr daran, dass Tamara zu mir gehört. Sie ist kein Bruch in meinem Leben, sondern eine Erweiterung davon. Ich muss diese Seite nicht verstecken, nicht rechtfertigen und auch nicht ständig darüber nachdenken, was das nun genau über mich aussagt.
Ich weiß ziemlich gut, wer ich bin.
Tamara ist keine zweite Person
Dabei möchte ich etwas ganz deutlich sagen. Für mich gibt es nicht zwei voneinander getrennte Persönlichkeiten. Ich bin nicht hier der Mann und dort eine völlig andere Frau.
Natürlich gibt es Unterschiede. Als Tamara bin ich vielleicht etwas offener, ein bisschen extrovertierter und manchmal stärker aus dem Bauch heraus. Mein männlicher Alltag ist oft nüchterner, zurückhaltender und stärker vom Kopf bestimmt.
Aber beides kommt aus demselben Menschen.
Tamara ist eine Ausdrucksform einer Seite von mir. Sie entsteht nicht erst in dem Moment, in dem ich Lippenstift auftrage. Make-up, Perücke, Kleidung und Schmuck machen sie sichtbar, aber sie erschaffen sie nicht.
Was also bleibt?
Wenn ich am Ende eines Tamara-Tages die letzten Make-up-Reste entferne und vielleicht noch den Nagellack ablackiere, verschwindet das sichtbare Bild. Aber erstaunlich viel bleibt.
Die Erinnerung an einen schönen Tag. Das gute Gefühl. Die Freude über schöne Fotos. Vielleicht ein bisschen Stolz. Manchmal auch Sehnsucht. Vorfreude auf das nächste Mal.
Und vor allem diese Gewissheit: Ich kann diese Seite meines Lebens ausleben. Ohne mich verstecken zu müssen. Ohne Angst. Ohne ständig zu überlegen, ob ich das darf.
Vielleicht ist genau das die größte Freiheit, die mir Tamara gebracht hat.
Nicht, dass ich jeden Tag Tamara sein muss, sondern dass ich weiß: Ich darf es sein, wann immer ich möchte.
Und deshalb ist Tamara auch dann nicht wirklich weg, wenn ich gerade nicht Tamara bin. Sie ist einfach gerade nicht sichtbar.
Beide Seiten gehören zu mir.
Und inzwischen fühlt sich genau das ziemlich selbstverständlich an.
Tamara 💕

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